Das Leidgenössische Musikfest

Ein halbes Jahr Vorbereitung. Registerproben, Satzproben, Marschmusikproben, Doppelproben, Probewochenenden, Vorproben, Anspielproben und Vorbereitungskonzerte. Dazu noch die jährliche Abendunterhaltung und die Platzkonzerte an Ostern, weissem Sonntag, Muttertag, Fronleichnam, Pfingsten, Weltsuppentag und den runden Geburtstagen unserer Passivmitglieder sowie am Jubiläum des Hornschlittenclubs und zur Einweihung des neuen Lichtsignals.

 

Der Musikverein Harmonie UnglauBlech hat alles gegeben in der Vorbereitung auf das grösste Musikfest der Welt. 

 

In aller Himmelherrgottsfrüh' fuhren wir letzten Samstag mit dem Car gen Montreux. Weil Montreux fast in Frankreich liegt, hatten wir an der Generalversammlung beschlossen, den schönen Car mit den Ledersitzen zu buchen. 48 Ledersitze für acht Personen. 

Um 10.00 Uhr wurden wir von jemandem willkommen geheissen, der sich als unser Führer durch den Tag vorstellte und den wir danach nie mehr zu Gesicht bekamen. Das Programm würde hektisch: Schon um 12.00 Uhr wurden wir gefüttert, danach blieben nur vier Stunden bis zur Marschmusik. Die Anspannung wuchs, denn sie hatte Zeit.

 

Pünktlich standen wir bereit. Und was sahen wir gut aus! Die Uniform sass. Die Schuhe glänzten. Die Krawatten hatte uns Davids Mami am Freitag schon geknöpft.  

Was für eine Pracht: Zwei perfekte Glieder, die Absätze zusammen und den Blick siegessicher geradeaus. Die Jury hatte entschieden, dass wir den Bundesrat Gnägi-Marsch spielen mussten. Wir hatten eigentlich auf unsere zweite Wahl gehofft, aber Take Five ist in der Szene nicht so ein Evergreen wie "le Gnagi".

 

Da standen wir nun. Bereit zur Marschmusik.

 

Ein Mann fortgeschrittenen Alters in ausgetretenen Schuhen kam eiligen Schrittes auf uns zu und blickte sich um. Er sprach mit einem Streckenposten. Beide blickten sich um. Nun trat er zu unserem Mann vorne rechts und fragte nach dem Dirigenten.

 

Und so etwas nennt sich Experte! 

 

Hereinlegen wollte er uns! Aber nicht mit dem Musikverein Harmonie UnglauBlech!

 

Bei der Meldung wird sich nicht gerührt und schon gar nicht geredet!

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit trottete der missmutige Rennleiter von dannen und machte die Bahn frei. Vorwärts, Marsch!

Tambour Süess gab alles, der Spielwechsel gelang mühelos. Die Einleitung war eine Wucht. Der Bb9#5-Akkord mit dem Fortepiano am Schluss des ersten Teils gelang besser denn je. Das Basssolo war noch nie unser Problem. Kurz vor dem letzten Teil war die Strecke leider abgesperrt und wir spielten die zwei Chorusse mit den Soli stehend. Im Schlusstutti tobte schon die Menge. Unser Arrangement erfüllte seinen Zweck.

 

Leider wurden hatte die Jury einen anderen Geschmack und watschte uns kräftig ab. 21 Punkte. Das Publikum an der Strecke schien das genauso wenig zu verstehen, wie wir. Es gab Zuspruch von allen Seiten. 

 

Wir waren schliesslich auch nicht nur zum Marschieren ans Meer gefahren! Jetzt stand die Konzertmusik an. Wir merkten schon bald, dass wir auch in der 4. Klasse Fanfare Mixte noch zu den kleineren Vereinen gehörten. Nachdem wir alle Stühle beiseite geräumt hatten, warteten wir auf den netten Herrn, der uns sagen würde, ob wir das aufgezwungene, fade Aufgaben- oder das rattenscharfe Selbstwahlstück spielen sollten. Wir standen da, die Jury sass da und eine nette Dame redete da. Französisch. Sie sagte "Unglaublesch" und "viel Echfolg(ö)". Aber keiner kam und sagte uns, was wir zu spielen hatten. Die helvetische Sprachbarriere und unsere Nervosität hatten sich verbündet und schufen ein peinliches Schweigen.

Wir ergriffen die Flucht nach vorn und spielten unser Selbstwahlstück. Nach zwölf Minuten hartem Groove gab es erst zögerlichen, dann stürmischen Beifall des Publikums. Die Jury verliess derweil offensichtlich eingeschüchtert den Saal. Wir betrachteten das als Unverschämtheit und verliessen die Bühne, ohne das Aufgabenstück zu spielen. Zwei von uns hatten sowieso die Noten vergessen und einer kann ja gar keine lesen. Wir hätten uns nur blamiert. Dabei war uns das Selbstwahlstück richtig gut gelungen. 

 

Das olympische Motto murmelnd, während wir uns gegenseitig auf die Schultern klopften, gingen wir zum gemütlichen (Haupt-)Teil eines jeden Musikfests über: Bier und Platzkonzert.

Als wir nach vierzig Minuten Platzkonzert ein fantastisches Publikum mit dem letzten Stück verabschiedeten und mit all den bekannten Gesichtern auf "Montröö" anstiessen, fragte sich insgeheim jeder von uns, weshalb es "Musikfest" heisst, wenn das offizielle Programm etwa so viel Spass wie eine Prostatauntersuchung macht. 

 

Wie dem auch sei, wir sind auch 2021 wieder dabei und wünschen allen Teilnehmenden am zweiten Festwochenende viel Erfolg und vor allem Spass.

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Kommentare: 2
  • #1

    Müller (Samstag, 18 Juni 2016 17:00)

    Gratuliere! Wer bei der Musik keinen Spass versteht, Versteht die Musik nicht!

  • #2

    Euterpion (Mittwoch, 29 Juni 2016 07:39)

    Ich habe um ein Haar an eure Montreux-Geschichte geglaubt...
    Jungs! Mach das mal wirklich! Schüttelt den SBV kräftig durch!