Das Glück jenseits des Gotthards.

Liebes Reisetagebuch

 

Tag 1: Sonntag, 6. Juli 2014

An einem heissen Sonntagnachmittag fuhren wir mit unserem Tourbus gen Italien. So eine Reise zu acht in einem Auto stählte die Nerven und zeigte uns, was diese Woche noch zu erwarten war: Schweiss und Tränen.

Staufrei gelangten wir dank unseres erfahrenen Steuermanns zackig nach Como. Kurz und bündig die Unterkunft gewechselt (Torschluss um Mitternacht - inakzeptabel) und ein erstes Set am See gespielt. Como ist ein Rückzugsort für die Reichen und Schönen. Das mit den Schönen fiel schon beim ersten Blick in die Menge auf, das mit den Reichen beim Bier danach: Preise wie in Zürich. Später noch kurz im Club ein Kurzkonzert gegeben, beim Inder um die Ecke etwas für die Magendarmflora getan und dann die Nacht zum Tag gemacht. So konnte es weitergehen.

 

Tag 2: Montag, 7. Juli 2014

Gegen Mittag waren alle wiederhergestellt und bereit, der Sonne ihr bleiches Gesicht und ein paar Töne entgegenzuhalten. Die Italienerinnen und Italiener zeigten sich von der grosszügigen und begeisterungsfähigen Seite. Der erhöhte Koffeinbedarf konnte also durchaus mit den Erträgen aus dem Hut gedeckt werden. Ein netter Beamter in Uniform winkte uns freundlich zu und schritt wieder von dannen. Zufällig trafen wir auf den seit fünfundzwanzig Jahren vermissten Zwillingsbruder unseres Schlagzeugers. Dieser sprach allerdings kein Wort Deutsch und kaum Englisch, weshalb er von dieser glücklichen Fügung weniger angetan war als wir. Die Hoffnung, dass auch die anderen sieben Bandmitglieder ihren Doppelgänger noch finden würden, schmolz rasch dahin: Como war nur von wunderschönen Frauen bewohnt! An jeder Ecke italienische Schönheiten so weit das Auge reichte. Wir konzentrierten uns also darauf, diese zum Tanzen zu bringen.

Leider wurden wir abends von heftigem Regen in eine Bar gescheucht, in der wir die Zeit hätten totschlagen müssen. Wir ertränkten sie. 

 

Tag 3: Dienstag, 8. Juli 2014

Der Regen hielt an. Keine Menschenseele in den Strassen der Altstadt. Wir nutzten diese Zwangspause zur Regeneration der Körper und zur Reduktion der Kopfschmerzen. Die Besitzerin der Bar neben unserem Hotel strahlte immer, wenn wir kamen. Die doppelten Espressi waren nicht nur ein notwendiges Übel, sie waren ein Genuss. 

Ansonsten ein recht ereignisloser Tag. Ein Bisschen Gokart, ein Bisschen essen, ein Bisschen schlafen, Fussball schauen. Nur eines war bemerkenswert: Einer von uns ging bei 1:0 aufs Klo, und kam bei 4:0 zurück, ohne viel Zeit verloren zu haben. Danach durfte er nochmals vier Toren beiwohnen. Danke Deutschland.

 

Tag 4: Mittwoch, 9. Juli 2014

Schönes Wetter. Die meisten von uns waren zwischenzeitlich im Bett. Nichts wie raus. Überall umgab uns in kürzester Zeit eine Menschentraube, die unsere Musik zu mögen schien. Was bot denn unsere Konkurrenz? Wir machten eine kleine Feldstudie. Die anderen Strassenmusikanten waren:

 

- Ein Italiener mit einem Dudelsack.* 

- Ein osteuropäisches Familienduo: Vater Klarinette, Sohn Geige.

- Ein Gitarrist, der wunderbar mit seiner Loopstation umging.

- Die üblichen Akkordeonisten

 

Wir mussten ja auffallen.

 

Tag 5: Donnerstag, 10. Juli 2014

Schönes Wetter. Vier oder fünf Espressi und das Vibrato war geschmeidig.

Schlagzeug aufgestellt, losgelegt. Die Menschen drängten sich auf dem Platz vor uns und applaudierten wie wild. Doch dann kam er.

Sheriff Zahnspange. Mit der natürlichen Authorität eines Löwenzahns gesegnet, gebot er unserem Treiben Einhalt. Permesso, blabla, amplificato, blabla. Als autoritätsgefüfige Schweizer wollten wir schon packen, als die Menge zur Meute wurde. Dutzende Italiener umringten der hilflos japsenden Polizisten (Bestechungsversuche inklusive) und redeten auf ihn ein. Kaum zur verbalen Verteidugung fähig und für den Einsatz seiner Dienstwaffen nicht mutig genug, erlitt er eine weitere Niederlage. Irgendwann watschelte er davon und versprach in einer halben Stunde wieder da zu sein - entweder mit der Bewilligung oder mit der Busse. Er kam nicht mehr wieder. Also spielten wir weiter und erfreuten uns an der gelebten Demokratie Italiens und an dessen Koch- und Braukunst.

 

Tag 6: Freitag, 11. Juli 2014

Schönes Wetter. Vormittags eine kurze Führung durch die Altstadt mit Besichtigung des Doms. Dann ein Besuch im Ortsmuseum. Exquisites Mittagessen mit einem leichten Rotwein und ein Abstecher in Museum Tempio Voltiano. **

 

 

* Eine sogenannte "Zampogna". Der Dudelsack war aus Ziegenleder, was daran zu erkennen war, dass die Füsse der Ziege als Verzierung dienten. Überhaupt sah es etwas so aus, als ob man die Ziege nach der Methode "Kopf ab, Löcher zunähen, oben blasen, unten spielen" in ein Instrument verwandelt hätte. 

 

** Das mit dem Freitag war gelogen. Eigentlich schleppten sich alle in den Bus, wo sie mit leeren aber nachtschwarz umrahmten Augen in die Ferne starrten und an ihren Wasserflaschen nippten. Nichts wie nach Hause. Danke Italien!

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